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BERICHTE / Wirtschaft / Verkehrte (Sozial-) Welt in der Medienlandschaft

 

17.02.2010: Verkehrte (Sozial-) Welt in der Medienlandschaft

Typische Stammtischreden der führenden Politiker über die ungerechte Verteilung und Wertschätzung von Arbeitsleistung gegenüber Hartz IV Sätzen dominierten den politischen Aschermittwoch.

Die Massenmedien erörtern die provozierende Frage, die seit Tagen schon den Blätterwald und TV-Sendungen dominiert, mit Genuß ob es sich im Hinblick auf angeblich zu hohe Hartz-IV-Sätze überhaupt noch lohnt, zu arbeiten. Durch die Berichterstattung sowie die Meinungsmache der Politiker wird der Blick auf die angeblich ungerechte Verteilung zwischen der arbeitenden und nichtarbeitenden Bevölkerung ad absurdum geführt, indem der Ansatz einfach umgekehrt, anstatt nüchtern betrachtet wird.

Von den derzeit wirklich wichtigen Dingen des öffentlichen Lebens wird willentlich abgelenkt (z.B. Staatsüberschuldung, Steuererhöhungsdiskussionen und Iran-Konflikt). Politiker wie Herr Westerwelle echauffieren sich an den zu geringen Unterschieden zwischen Arbeitsnettoentgeld und Hartz-IV Unterstützung von Arbeitssuchenden, denn „Arbeiten soll sich wieder lohnen“. Dabei wird der Blick völlig verzerrt, denn nicht der Hartz IV Empfänger bekommt vom Staat zu viel, sondern der geringverdienende Arbeitnehmer, und dazu zählen mittlerweile nicht nur Taxifahrer oder Lagerarbeiter sondern auch ausgebildete Frisöre, Reinigungsfachkräfte und Sicherheitspersonal erhalten zu wenig Netto-Entgeld (es sollen an dieser Stelle nur Beispiele genannt werden, sicher gehören auch noch viele andere Berufsgruppen dazu). Die Nettoeinkommen gehen seit Jahren zurück, während die Lebenshaltungskosten Jahr für Jahr steigen.

Ein Arbeitnehmer hat nichts davon, wenn die Hartz IV Sätze geringer ausfallen, denn auf seinem Konto hätte er deshalb auch nicht mehr Euro zu verbuchen. Es handelt sich um eine wahnwitzige Polemisierung um nichts, die von den Medien nur allzu gerne aufgesogen und kommentiert wird. Was kaum jemanden zu stören scheint ist die Tastache, dass im Jahre 2008 deutsche Banken mit 500 Mrd Euro Steuergeldern unterstützt wurden, die aufgrund Fehlmanagement und zu risikoreicher Investements kurz vor dem Kollaps standen. Diese Summe taucht zwar hin und wieder in irgendeinem Beitrag auf, aber es beschwert sich nicht wirklich jemand darüber. Diejenigen, die diese Maßnahme kritisieren kommen nicht zu Wort. Aber ob ein Hartz IV Empfänger ein oder zweihundert Euro gegenüber einem Arbeitnehmer zuviel bekommt wird öffentlich in allen Zeitungen und TV-Sendern bis zum Exzess ausdiskutiert, ohne auch nur ansatzweise den Fehler im (Finanz-) System zu nennen und erkennen, was zweifelsohne einem Wunder gleichen würde.

Die seit Wochen anhaltende Stimmungsmache gegen Hartz-IV-Empfänger soll nur dazu dienen, um den betroffenen Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen und sie darauf vorzubereiten, dass die Unterstützung demnächst gekürzt wird. Dem Arbeitnehmer gegenüber, der von einer Absenkung der Sozialleistungen für Arbeitslose nichts hat, kann dann argumentiert werden, dass die Gerechtigkeit nun wieder hergestellt sei. Davon abgesehen ist es offensichtlich, dass in der Öffentlichkeit das Ansehen von bestimmten Berufen immer zweifelhafter wird, obwohl die Realität etwas anderes aussagt. Verkäuferinnen werden gekündigt, weil sie Pfandmarken von ein paar Cent unterschlagen, aber Anlagebanker und Industriemanager, die Millionen in den Sand setzen erhalten Abfindungen im sechs- bis siebenstelligen Bereich.

Nach einer aktuellen DIW-Studie lebten 2009 11 Mio Deutsche, also jeder 7. Deutsche in Armut.

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